Wie relevant ist der Rassismus in der Sprache?

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Als Kind habe ich erlebt, in welchen postkolonialistischen Kontexten und mit welcher Abfälligkeit die Worte „Mohr“ und „Neger“ gebraucht wurden. – Aber daß es jetzt als diskriminierend gilt, wenn man „Schwarze“ sagt statt „people of color“, leuchtet mir nicht ein. Das wirkt auf mich konstruiert. – Ich sage: Es wirkt auf mich so. Allerdings weiß ich nicht, was dazu geführt hat, daß das Wort „Schwarze“ jetzt als diskriminierend gelten soll. Wüßte ich es, würde diese Bewertung auf mich vielleicht nicht mehr so konstruiert wirken wie eine Anstandsregel.

Nettigkeit und Respekt sind etwas anderes als Anstand. Sie ergeben sich bei kooperativen, solidarischen und wertschätzenden Menschen von selbst, aus der Logik der Beziehung zwischen Menschen.

Mir fällt es schwer, nachzuvollziehen, warum so ein Wert auf die Form gelegt wird. Ich würde mir wünschen, daß es maßgeblich ist, wie Menschen sich verhalten, nicht, wie sie reden.

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Ich halte die Einstellung, daß Menschen keine falsche Einstellung haben dürfen, für unrealistisch und intolerant. Schlimm sind falsche Einstellungen doch nur, wenn sie mit Unkorrigierbarkeit einhergehen. Worauf es ankommt sind doch die Bereitschaften, zuzuhören, sich zu hinterfragen und sich solidarisch zu verhalten, nicht der aktuelle Stand aller eigenen Einstellungen zu allen möglichen Aspekten der menschlichen Angelegenheiten.

Und die Einschätzung, daß der Rassismus in den Köpfen noch ganz schlimm sei, halte ich für eine Illusion der Desillusioniertheit. – Pessimismus ist zirkulär: Wer eine übertriebene Sicherheitsvorkehrung anzweifelt, gilt als leichtsinnig. Wer eine pessimistische Einschätzung anzweifelt, gilt als naiv. „Zirkelschluß“ nennt die Logik das Phänomen: „Die Wahrheit ist bitter. Wer daran zweifelt, will sie nicht wahrhaben. Also muß sie wahr sein.“ (Wie immer wir das evolutionär aus der Umwelt der Menschwerdung erklären wollen: Es ist ein gut belegtes Faktum der Kognitionspsychologie, daß abwertende und pessimistische Aussagen „professioneller“ wirken, als wertschätzende oder optimistische.)

Ist es wirklich so unrealistisch, davon auszugehen, daß der Restrassismus der meisten Menschen in Deutschland weitgehend unproblematisch ist, weil er verschwinden würde, sobald die Menschen verschiedener Hautfarbe mehr miteinander zu tun hätten? – Genau genommen müßten wir hier empirische Befunde diskutieren, über das Ausmaß der Bereitschaft in der Bevölkerung, Reste rassistischer Vorstellungen oder gar rassistischen Verhaltens zu hinterfragen und zu verändern. Aber soweit ich sehe, gibt es solche Befunde nicht.

Diskriminierung hat oft etwas mit dem Kollektiv zu tun, nicht mit den einzelnen Menschen. Wieviele Eltern würden ihren Mädchen etwas anderes anbieten, als traditionelle Mädchenklischees, wenn sie nur genügend Austausch mit Eltern hätten, die weniger beschränkte Vorstellungen haben! – Und daß es zuwenig Schauspielrollen für „people of color“ gibt – liegt das an einzelnen Menschen? Vielleicht würde eine Produzentin sagen: „Finde ich ja auch blöde, aber wir trauen uns nicht, mutig zu sein, sonst sind wir auf dem Aufmerksamkeitsmarkt ganz schnell weg vom Fenster! – Und ich habe Verantwortung für die Firma!“

Daß es schlimm ist, wie Mädchen immer noch um ihr Leben betrogen werden durch frühe Ausrichtung auf beschränkte, konventionelle Vorstellungen von Mädchenhaftigkeit, und daß Menschen anderer Hautfarbe immer noch benachteiligt werden in vielen Lebensbereichen: daß das schlimm ist, und daß die Bewegung dagegen zu den vordringlichsten und wichtigsten Aufgaben unserer Zeit gehört – das ist doch gar keine Frage!

Aber es ist eine uralte Weisheit, daß die Einzelnen reifer und klüger sind als das Kollektiv. Und wer das verkennt und, statt bestehende Bereitschaften zu nutzen, sich abmüht, offene Türen einzurennen, vertut Zeit und Energie. – Zudem ist schon viel im Gange gegen Diskriminierung und Rassismus! Ob der Prozeß der Zivilisation wirklich durch Sprachregelungen beschleunigt werden kann, halte ich für zweifelhaft.

Jedenfalls halte ich es nicht für konstruktiv, mühsam die letzten Überbleibsel von Rassismus bei andern herauszupopeln. Und ich bezweifle ernsthaft, ob das wirklich im Sinne der Diskriminierten ist. – Ich denke, es läßt sich weit mehr ausrichten gegen Diskriminierung, wenn wir die Aufmerksamkeit auf die Veränderung der tatsächlichen Nachteile richten!

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Aus all diesen Gründen wirkt für mich der große Wert, der auf die richtige sprachliche Form gelegt wird, nicht sachlich sondern modisch. Ich vermute, daß es sich dabei um ein sozialpsychologisches Phänomen handelt: Daß viele ein schlechtes Gewissen haben, nicht genug gegen Rassismus zu tun, wenn sie sich nicht der neuen sprachlichen Vorgaben bedienen. Und so entsteht ein selbstverstärkender Prozeß: Es kommt dann nicht gut an, wenn man nicht durch die richtige Sprache zeigt, daß man gegen Rassismus ist, oder wenn man gar die neuen Sprachregelungen hinterfragt. Und je unhinterfragter die Sprachregelungen gelten, um so stärker wird das Gefühl, gegen Rassismus zu sein, erfordere auch den „korrekten“ Sprachgebrauch.

An sich ist es ja sehr gut, daß die Sensibität für Rassistisches in Sprache, Denken und Kultur sich entwickelt. Was mich stört ist bloß die rechthaberische Empörung, mit der anderer Sprachgebrauch „bestraft“ wird. – Manchmal mutet es mir auch an, als wenn bestimmte Leute die rassistischen Überbleibsel in Sprache und Denken brauchen, um jemanden zu haben, auf den sie mit dem Finger zeigen können. – Und merkt eigentlich niemand, wie sehr manche Interviews triefen von Überheblichkeit und moralischer Selbstgefälligkeit? – All das macht mich skeptisch. Und nicht nur skeptisch:

Leute, die jede Nutzung eines falschen Wortes als „rassistisch“ anprangern, aber selber von „toxischen Männern“ reden, machen mir Angst. Meine Erfahrung lehrt mich, sofort reißaus zu nehmen, wo Leute sich für die Guten halten.