Verantwortungsethik

Der verpflichtende Bezugspunkt

„Toll ist das jetzt nicht, aber es gibt keine bessere Alternative“ – mit so einem Spruch wird man Verantwortung nicht gerecht. – Zwei Beispiele: Ein Herumschrauben an Statistiken, um eine wegen der Quote nötig gewordene Trivialisierung des Fernsehprogramms zu verschleiern, ist nur dann legitim, wenn untersucht wird, wieso man noch auf keinem anderen Wege hingekriegt hat, das Programm attraktiv zu machen. – Ein Militäreinsatz, um eine Bevölkerung vor einer Terrorgruppe zu schützen, ist erst legitim, wenn untersucht wird, wie es zu dem Terror kommen konnte und was getan werden kann, um der Aggression den Wind aus den Segeln zu nehmen. – Ohne solche „Bezugspunkte“ und die Selbstverpflichtung, ihnen gerecht zu werden, wird der Dienst an der guten Sache alles nur noch schlimmer machen.

Wenn ich ein Kabel aus einem Kabelgewirr ziehe, werden die Knoten fester, wenn ich nicht gleichzeitig an anderen Kabeln herumnestle. – Verantwortungsethik fordert: Symptombehandlung nie ohne Ursachenbehandlung.

Allerdings: Bevor die Frage nach dem Bezugspunkt gestellt wird, muß erst nach der Indiziertheit und Angemessenheit des geplanten Handelns gefragt werden. So kann man beispielsweise nicht sinnvoll nach verantwortungsethischen Begründungen für den „Krieg gegen den Terror“ suchen, ohne folgende Fragen beantwortet zu haben: Wurde, bevor die Maßnahmen beschlossen wurden, hinreichend geklärt, wie gefährlich der Terrorismus gemessen an anderen Lebensrisiken ist und ob der Aufwand und die ethisch problematischen Maßnahmen im angemessenen Verhältnis zur Gefahr stehen?

Die Frage nach verantworungsethischer Legitimierbarkeit einer Handlung sollte immer der zweite Schritt sein, sonst läuft man Gefahr, das Sieb drunter zu halten, wo der Bock gemolken wird!

Autokratie: die Alternative für Dummies

Verächtlich reden Autokraten von Demokratien als „Verunmöglichern“ („Impossibilismus“), weil in Demokratien zu viele Rücksichten genommen werden. – Und eine Autokratie wie China wird wegen unabsehbarer Erfolge bewundert. – Doch die Fragen, die an Autokratien zu stellen sind, sind nicht: Was machen sie möglich, sondern: was wird dadurch unmöglich? Und nicht: Wie sind sie? Sondern: Wie werden sie sein?

Auf wessen Kosten ermöglichen Autokratien, was Demokratien erschweren? Auf Kosten von Minderheiten oder Bündnisgenossen und auf Kosten der Korrektive und der Zukunft? – Und wenn sie heute so glänzend dastehen: wo stehen sie übermorgen?

Autokratien und Günstlingswirtschaft gehen Hand in Hand. – Günstlinge reden ihren Herren nach dem Munde. Unangenehme Worte werden bestraft, bestenfalls mit Karriereknick, schlimmstenfalls mit Kerker. Die fehlende Realitätsprüfung macht Autokraten mehr und mehr zu Phantasten. Bestenfalls gerät ihr Land nur ins Hintertreffen, schlimmstenfalls zieht es die halbe Welt mit eine Katastrophe, wie Hitlerdeutschland.

Der Starke ist am dämlichsten allein. Darin besteht die Aporie der Autokratie: So an sich zu glauben, wie es nötig ist, um Autokrat zu sein, macht zum Autokraten untauglich.

(Der Beitrag ist ein Kommentar zum Artikel „Die Sehnsucht nach dem starken Mann“ in „Der Spiegel“, Nr. 24 / 9.6.18)

Der Aufstand der Besonnenen, erste Ideen für Bürgerräte

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1

Demokratie heißt: Die Bürger müssen für sich selber sorgen. – Doch wir haben das Sorgen delegiert an Parteien, Parlamente, Verwaltung, Medien, Wirtschaft und Wissenschaft. Unsere Ideen, unser Wissen, unsere Vermutungen und unsere Lebenserfahrung bleiben weitgehend ungehört.

Der nächste Entwicklungsschritt unserer Demokratie könnte sein: daß Bürgerräte entstehen, die in der Öffentlichkeit eine unignorierbare Stimme haben. Jeder Bürger, jede Bürgerin kann sich in Themen einarbeiten und mitdiskutieren. Die von den Räten geschaffene informationelle Infrastruktur wird es ermöglichen, daß 2 bis 3 Stunden Zeitaufwand pro Woche dafür ausreichen werden, es wird nicht mehr nötig sein, fünf Zeitungen und sechs Internetportale zu verfolgen. Dann wird Demokratiepflege für alle so selbstverständlich sein wie Körperpflege.

 

2

Anders als Bürgerinitiativen treten die Bürgerräte nicht für Interessen ein, sondern recherchieren, klären auf, geben Rückmeldungen, kritisieren, stellen Fragen und entwickeln Ideen. Sie behaupten nicht: „Wir sind das Volk“, sondern bemerken bloß: „Wir haben da noch eine Frage“.

 

3

Der Journalismus wird der professionelle Erheber von Information bleiben. Aber Politik, Recht, Rundfunk, Verwaltung und Wirtschaft werden sich ganz anders der Öffentlichkeit stellen müssen, wenn wir Bürger an der Öffentlichkeit mitwirken statt sie wie bisher an den Journalismus zu delegieren.

Stellen wir uns doch einmal vor, es gäbe starke, in der Medienöffentlichkeit unüberhörbare Bürgerräte. Dann hätte es einen Aussagewert, wenn Spitzenpolitiker sich Interviews mit Räten verweigern würden. – Diese Interviews könnten ausführlich, eingehend, und sachlich ohne Rücksichten geführt werden – im Gegensatz zu den Rücksichten, die Journalisten ihrer Chefredaktion und den Formaten ihres Mediums gegenüber nehmen müssen.

Gerade beim Öffentlich-Rechtlichen Rundfunk besteht die Gefahr, daß Journalisten gezügelt werden bezüglich der unbequemen Fragen, weil die Politiker die Rundfunkgesetze machen. Abgesehen davon gibt es dort keine seriösen Interviews mehr, nur noch Kurz-Interviews, bei denen man frappiert ist von den Fragen, die nicht gestellt werden, stattdessen gibt es Talk-Shows, die schon vom Format her verhindern, daß Politikern „auf den Zahn“ gefühlt werden kann. – Auch in der Presse gibt es zuwenig Interviews und sie sind begrenzt und abgeschlossen. Das bedeutet: es geht über Statements und Schlagabtausche meist nicht hinaus. Es sind eher Bestandsaufnahmen als Argumentationen. – Schlimmer ist noch:

Der Journalismus unterliegt den Gesetzmäßigkeiten des Medienrummels: Er muß die Themen bedienen, die Aufmerksamkeit versprechen. Deshalb haken die Medien zu wenig nach und bleiben nicht dran an den Themen. Die Strategie der Politiker, unbequeme Themen „auszusitzen“ und darauf zu warten, daß der Medienrummel sich verflüchtigt, werden die Bürgerräte unmöglich machen. Sie werden am Ende jedes Interviews die offenen Fragen dokumentieren und die Politiker zu themenbezogenen Folgeinterviews einladen. In den Folgeinterviews bringen die Räte dann neue Recherchen ein und können die Politiker fragen, was sie selbst zur Beantwortung der Fragen mitgebracht haben oder beitragen wollen – oder aus welchen Gründen sie nichts mitgebracht haben oder beitragen wollen… – Und jede Dokumentation wird – wie Wikipedia – nur ein Klick weit entfernt sein…

 

4

Die Bürgerräte werden eine starke politische Kultur schaffen, in der sie ständig aus Interaktionen neu entstehen. Ihr Bestand besteht höchstens in den Kompetenzen und Erfahrungen der Teilnehmenden. – Sie sind nicht angewiesen auf Verwaltung, auf Verdienen von Geld, sie haben kein Konto und keine Zentrale. Das macht sie freier. – Journalismus und Nicht-Regierungs-Organisationen brauchen geschäftlichen Erfolg um ihren Bestand zu erhalten. Sie müssen Manches machen oder unterlassen, um ihren Bestand zu sichern. – Was ständig neu entsteht, muß nicht für seinen Bestand sorgen. Die Bürgerräte halten keine Spendenhand auf, sie haben kein Büro und kein Inventar und es gibt keine hauptberuflichen Funktionäre, es gibt niemanden, der davon lebt.

 

5

Die Räte werden Orte der Kultivierung „herrschaftsfreien Diskurses“ sein. – Herrschaftsfreiheit ist ein regulatives Ideal, das unerreichbar ist, aber einen Kurs vorgibt. Es bedeutet: niemandem werden Redebeiträge verwehrt und niemand wird wegen seiner Beiträge bewertet, belohnt, bestraft oder ausgeschlossen. Hier darf jeder mit seinen Gefühlen und Vorurteilen ankommen.

Wir Menschen brauchen einander, um den Kontakt zur Realität nicht zu verlieren, und je mehr mitdiskutieren, je weniger Chance haben Illusionen. Und egal wie idiotisch eine Befürchtung, ein Einwand oder eine Idee klingt: man weiß nie, was darin an Wahrem und Brauchbaren liegt. Das persönliche Befinden darf hier keine Ansprüche stellen bezüglich dessen, was gesagt werden darf und was nicht, geschweige denn bezüglich dessen, was bei der Argumentation herauskommen soll. Egal wie laut jemand schreit oder wie beleidigt und empört er sich fühlt: In den Bürgerräten darf alles gesagt werden und es zählt nur das bessere Argument.

 

6

Der Satz: „Das bringt doch nix“ wird hier blödsinnig sein. Wir werden eine neue Einstellung zur Zeit entwickeln: Erfolg wird definiert: als bestmögliche Erledigung der aktuellen Aufgaben, einerlei, ob wir in absehbarer Zeit damit meßbare Erfolge haben. – Bürgerräte schaffen Klarheit und Bewußtsein in der Öffentlichkeit. Das wirkt früher oder später immer.

 

7
Es gilt das Entbehrlichkeitsprinzip: möglichst viele von uns sollen hinreichend qualifiziert sein, um Diskussionen zu leiten, Streit zu schlichten, Interviews zu führen, Ideen und Anliegen zu vertreten usw.

 

8

Ungewohnt für unsere Zeit wird vor allem sein: anderen wertschätzend zu begegnen, mit Neugier und Vorfreude auf ihre Potentiale – statt mit Angst, davon in den Schatten gestellt zu werden.

 

9

Wir unterstellen keine Intentionen und fällen keine moralischen Urteile. Es wird davon ausgegangen, daß Fehler und Fehlentwicklungen kein moralisches Versagen sind sondern Ausdruck von Umständen, selbstverstärkenden Prozessen und „blinden Spiegeln“: defizitären Korrektiven.

Wir werden den Feind immer in Umständen sehen, nie in Menschen.

Die Anliegen, die alle Menschen teilen, sind größer als die, die sie trennen. Wir werden lernen, die gemeinsa-men Anliegen herauszuarbeiten, für die es sich lohnt, Kriegsbeile zu begraben und zusammenzuarbeiten.

 

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An der Stirn unserer Internetseiten wird der Satz prangen: „Was hast Du dafür getan, herauszufinden, was dagegen spricht, daß Du Recht hast?“

 

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Wichtigste Bedingung ist: Die Arbeit wird so dosiert und verteilt, daß das bürgerliche Leben darunter nicht leidet, weder die Kinder, die Partnerschaft, die Erholung, die Interessen oder der Beruf. Die Räte dürfen so langsam sein, wie sie wollen. Niemand muß Angst haben, „sich eine Verpflichtung ans Bein zu binden“. Stressmacher sind unerwünscht.

 

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Wieso ist aus den vielen engagierten Projekten von Mitbürgern bisher noch kein Bürgerrat entstanden? – Möglicherweise: Weil sie ein Anliegen haben und eine Botschaft – statt ergebnisoffen zu sein. – Weil man zu viel glauben muß. – Weil sie eher Gegnerschaft unterstellen als Kooperationsbereitschaft. – Weil zu viel Empörung im Spiel ist. – Weil sie Spenden akzeptieren (Spenden sind Delegationen!) – Weil sie sich nicht nur um die Sache sondern auch um den eigenen Bestand sorgen müssen. – Weil sie geschlossen sind: schreibt man hin, kriegt man meist keine Antwort. – Keine Ahnung, wer weiß…

Die Bürgerräte wollen kein Publikum, sondern diskutieren. Sie haben keine Ziele und Botschaften, sondern Fragen. Sie wollen nichts erreichen sondern was erkennen. Sie wollen keine Erfolge, sondern Antworten.

Ihre Chance, groß zu werden, liegt im Prinzip der „klugen Konvergenz“: Man tut sich zusammen, um zu recherchieren und Hypothesen zu entwickeln. Erreicht man auch nicht, gehört zu werden, wird man doch wenigstens klüger. Im Weg liegt schon genug Ziel.

 

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Wie die Arbeit der Bürgerräte konkret aussehen soll? Wie extrem unterschiedlich eingestellte Bürger sich vertragen können sollen? Ob da nicht bloß linke oder rechte Echokammern entstehen, in denen Radikale die Führung an sich reißen? Ob da jemals was Gescheites oder Glaubwürdiges draus entstehen kann? Daß die Probleme unabsehbar sind und unlösbar erscheinen? – Alles richtige Fragen und Einwände. Aber was spricht dagegen, daß sich einfach mal ein paar Leute zusammensetzen und mit irgendwas anfangen? Ohne großen Anspruch, ohne großen Aufwand, einfach nur mal probeweise ein paar Schritte dranbleiben an der Beschäftigung mit einer gemeinsamen Frage und unter der Maxime: „was können wir dafür tun, herauszufinden, ob wir Unrecht haben“…

Überall wo zwei zusammen sind, die reden oder schreiben können, kann jederzeit die Keimzelle eines Bürgerrates entstehen.

Die Bürgerräte sind der Aufstand der Besonnenen mit Mitteln der Besinnung.

 

 

Die „Ideen“ werden fortgesetzt, nicht rasch aber stetig…

 

Sicherheitsbedenken

Gedanken nach dem Anschlag in Berlin

(1)

„Wie sehr erschüttert der Anschlag das Fundament Europas“, fragte ein ZDF-Reporter. – Wie brüchig muß das Fundament Europas sein, wenn es durch einen Anschlag erschüttert werden kann? – Und wenn Medien und Politik die Erschütterung des Fundamentes von Europa immer wieder herbeireden: Wieviele Anschläge motivieren sie dadurch? – In manchen jungen Männern, die mit den narzistischen Kränkungen, die das Leben zufügt, nicht klarkommen, brennt eine kranke Wut. Nichts wäre ihnen lieber, als über die Macht zu verfügen, das Fundament eines ganzen Kontinents erschüttern zu können…

Und haben wir uns je gefragt, was wir in anderen Teilen der Welt anrichten, um unsern Reichtum zu mehren? So hinterhältig und gestört die Amok-Terroristen auch sind: Es ist widerliche Sebstgerechtigkeit, zu glauben, diese Männer seien das Böse schlechthin und wir hätten nicht das Geringste damit zu tun, daß in andern Teilen der Welt jene Ideologien entstehen konnten, ohne die es solche Täter nicht gäbe. (Dazu im Anhang ein Exzerpt aus der Kontraste-Sendung vom 15.12.16.)

(2)

Ein ARD-Journalist setzt dem Berliner Innensenator die Pistole auf die Brust mit der Frage, ob es nicht besser gewesen wäre, Berlin mehr mit Video zu überwachen, dann hätte man jetzt ein Bild vom Täter. Und der Politiker hat „nicht den Arsch in der Hose“ zu antworten: „Möchten Sie ständig unter Beobachtung leben, damit in dem seltenen Fall eines Amoklaufs, für den noch selteneren Fall, daß der Amoktäter flieht, ein Bild von ihm existiert? Halten Sie das wirklich für angemessen? Und müßten wir dann, damit die verschiedenen Sicherheitsrisiken wieder in rationalem Verhältnis zu einander stehen, nicht auf allen Straßen rigide Tempolimits einführen und jedem, der am Steuer einmal alkoholisiert oder mit Händi erwischt wird auf Lebenszeit den Führerschein entziehen?“ – Nein, das sagte der Politiker nicht, sondern er wand sich in wenig überzeugenden Ausreden: das sei aber sehr aufwändig, alles mit Video zu überwachen. – Er fürchtete wohl, es könne ihm vorgeworfen werden, er nehme unschuldige Tote in Kauf, bloß weil er so überkandidelt sei bezüglich Videoüberwachung.

Politiker wollen gewählt, Medien beachtet werden, beide können nicht frei reden und handeln. So kommt es nach Terroranschlägen zu Hysterie und unsinnigem Aktionismus bezüglich Sicherheit. – Die Besonnenen haben keine Stimme, es fehlt eine Größe im Spiel. Es wäre an uns Bürgern, Organisationen zu gründen, die frei reden und handeln können: eigene Rechercheentscheidungen treffen, eigene Ideen einbringen, öffentlich immer wieder nachfragen und konsequent an den Themen dranbleiben. Wer von uns weiß denn schon, wie „harmlos“ die bestehenden Sicherheits- und Überwachungsgesetze noch sind oder wie stark unsere bürgerliche Freiheit schon bedroht ist? Und was mit den bestehenden und neu hinzukommenden Gesetzen in Zukunft alles angerichtet werden kann gegen die bürgerlichen Freiheiten? Und wie viel ein Überwachungsstaat tatsächlich hilft gegen Verrückte, die einen Fahrer erschießen und mit seinem Lastwagen in eine Menschenmenge rasen?

Ich möchte in keiner Stadt leben, in der mich Kameras ständig beobachten, und ich möchte nicht fürchten müssen, daß meine Unterstützung der Integrationsbemühungen eines geflüchteten jungen Mannes schon ein Vorwand sind, meine Telekommunikation zu überwachen. Und ich möchte mich nicht ständig fragen müssen, ob ich naiv bin oder angemessen realistisch, wenn ich darauf vertraue, daß hinreichend demokratisch kontrolliert wird, ob der Sicherheitsapparat sich an die Regeln hält und seine Möglichkeiten wirklich nur für das braucht, wofür sie ihm vom Parlament eingeräumt worden sind.

Nie ist den Deutschen lauter Recht und Ordnung versprochen worden als 1933. Wollen wir wirklich blind darauf vertrauen, daß Sicherheitsversprechen nicht einmal eine ähnliche Entwicklung nehmen? – Werden irgendwann von den Sicherheitsbehörden „zur Sicherheit“ immer mehr Menschen erschossen? Wird der Kampf gegen den Terror auch bei uns irgendwann mal zu einer Generalvollmacht für Terror durch den Staat – so wie in der Türkei?

Hat die Sicherheit erstmal die Demokratie unterminiert und zersetzt, dann gibt es gegen nichts mehr Einspruch – und gibt es keinen Einspruch mehr, läßt der Realitätsverlust nicht lange auf sich warten – und verlieren die Regierungen den Kontakt zur Wirklichkeit, steuern sie auf die nächste Katastrophe zu…

Nichts verletzt das „Grundrecht auf Sicherheit“ auf Dauer mehr, als zuviel Sicherheit. Aber bei jeder konkret in Frage stehenden Sicherheitsmaßnahme werden diejenigen als verantwortungslos an den Pranger gestellt, die sie in Frage stellen. Es gehe doch schließlich um Menschenleben, wird es jedesmal heißen. Diese Dynamik führt langfristig in einen Sicherheitsterror, den niemand haben will und der auch keine Menschenleben mehr schützt…

(S. auch die Beiträge: „Sicherheitsterrorismus?“ und „Schildbürgerpreis für die FAZ“i

Anhang

– Zitate aus der Kontraste-Sendung vom-15-12-2016:
„Bei Angeboten der Volksbank steht im Kleingedruckten zum Beispiel: „Damit wir ihre eingezahlten Altersvorsorgebeiträge wirtschaftlich für sie anlegen können, stehen ethische, soziale und ökologische Belange bei dieser Kapitalanlage nicht im Fokus.“ … Thomas Küchenmeister, Facing Finance e. V.: „Deutschland hat als Staat zum Beispiel jetzt das Verbot von Streumunition unterzeichnet, ist der Kinderrechtskonvention beigetreten, will keine Atomwaffen, will das Klima retten. und all das spielt bei der Subventionierung von Riester Produkten keine Rolle. Da kann man in jeden Missstand in diesem Land investieren und wird dafür sogar noch steuerlich belohnt und das ist eigentlich ein Skandal.“ … Für den Staatsrechtler Andreas Fischer-Lescano ist diese Finanzierung ein klarer Rechtsbruch: „Die Bundesrepublik Deutschland ist völkerrechtlich verpflichtet, keine aktiven Zuschüsse … zu geben für Riester-Verträge in denen im Portfolio Streumunitionsunternehmen auftauchen weil das eine mittelbare Förderung eben dieser Unternehmen darstellt und das verstößt gegen die Oslo-Konvention und das ist ein Bruch des geltenden Völkerrechts.“ … In Berlin sieht man das anders. So lässt der Finanzminister z. B. zu den Streubomben erklären: „Es ist Unternehmen … verboten, völkerrechtswidrige Waffen wie … Streumunition herzustellen. Ein generelles Verbot von Investitionen in Unternehmen der Rüstungsindustrie besteht im Völkerrecht nicht.“ … Ab Januar kann der Riester-Kunde vor Abschluss eines Vertrages nicht mal mehr im Kleingedruckten nachlesen, ob ein Fonds nachhaltig ist. Die bisherige Informationspflicht: „… ob und wie ethische, ökologische und soziale Kriterien bei der Verwendung der eingezahlten Altersvorsorgebeiträge berücksichtigt wurden …“ wird gestrichen. – Eine Begründung hierfür lieferte das Finanzminister bis heute nicht.“
– Ende der Zitate –

Link: https://www.facing-finance.org/files/2016/02/dp4_DE_RGB.pdf

Der Unwille zur Macht

Stichworte zur Demokratie

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1 Pressetrug und  Denkfaulheit

Eine Oma wird brutal geschubst und ihr die Handtasche entrissen. Wer das  in der Zeitung liest denkt: „Ja wo leben wir denn!“ Das Abweichende erregt Aufmerksamkeit. Das führt leicht zur Fehleinschätzung des Normalen. Von eh und je ist z.B. der Unterschied zwischen der „gefühlten“ Kriminalität und der tatsächlichen riesig. Solche Trugbilder entstehen unintendiert, allein aus der Suggestivität des Hervorhebens. – Ironischerweise sind die Pegidaleute bezüglich des Islam solchem Trug  auf den Leim gegangen, und mit ihrer Verschwörungstheorie von der Lügenpresse werfen sie die Leiter um, mit der sie sich verstiegen haben, statt sie zu nutzen, um wieder runter zu kommen. – Wenn mit zunehmender Konkretisierung des Handlungsbedarfs die Skepsis gegen die Flüchtlingspolitik wächst, geht das ebenfalls auf das Konto der Suggestivität des Hervorhebens: man schaut auf das, was noch nicht da ist und nicht auf das, was herangeschafft werden kann. – Wir Bürger sind intelligent genug, solche Trugbilder zu durchschauen. Intelligenz ist nicht das Problem. Dennoch wird fast nur verzerrt und verzagt über das Problem der Aufnahme Geflüchteter geredet. Warum? Es ist offenbar so, daß es eine riesige Denkfaulheit gibt. Man nimmt sich keine Zeit, grundlegende Fragen zu stellen. Man spinnt, was die Öffentlichkeit gerade vorgibt, weiter, statt eins und eins zusammenzuzählen, und das, was in den Fokus der Aufmerksamkeit gerückt wird, mit der Lebenserfahrung abzugleichen. So wußte doch z.B. jeder, daß in Deutschland weit mehr Menschen durch alkoholisierte Kraftfahrer als durch islamische Terroristen gefährdet sind (2014: 260 Tote und über 17.000 Verletzte durch Alkohol am Steuer in Deutschland). Dennoch wurde nur über Antiterrorgesetze diskutiert, nicht über Verbesserungen im Straßenverkehr. Das ist ein Schildbürgerstreich: Man geht auf die Jagd nach seltenen Giftspinnen statt die menschenfressenden Wölfe zu erledigen, die ständig durchs Dorf traben… (Schildbürgerpreis für die FAZ). (Nachtrag 24.02.2016: Die Zahl der Verkehrstoten steigt. Die Untersuchungen zum Händigebrauch am Steuer legen nahe, daß der Anstieg der Verkehrstoten mit der Händinutzung zu tun hat. Der Verkehrsminister sieht jedoch davon ab, Händinutzung am Steuer stärker zu bestrafen. (Quelle: Süddt.Zeitung 24.02.2016.) Das zeigt: Den Politikern geht es nicht darum, Leben zu retten, sondern Stimmen zu kriegen. Ein Politiker, der die Händinutzung am Steuer stärker bestrafen will, muß fürchten, unpopulär zu werden. Ein Politiker, der nach einem Amoklauf nicht die bürgerlichen Grundrechte durch fragwürdige Überwachungssteigerung untergräbt, muß beim nächsten Amoklauf befürchten, von der Bildzeitung abgestraft zu werden, er hätte nichts unternommen. Daher der Schildbürgerstreich, für zweifelhafte Sicherheitsmaßnahmen das Grundgesetz zu unterminieren, aber die Straßenverkehrsordnung nicht anzutasten, egal, wie viele Menschenleben dadurch zu retten wären. – Dennoch sind die Politiker keine Schildbürger sondern völlig in Ordnung. Das Problem ist: wenn sie sich nicht schildbürgerhaft verhalten, sind sie bald nicht mehr Politiker… (s.u.Pkt.2 und 3). Diese Unvollkommenheit unseres demokratischen Systems spricht nicht gegen es. Vielmehr fordert es uns Bürger auf, uns mehr für unsere Demokratie zu engagieren (s. Pkt. 7).)

Von mündigen Bürgern könnte man eigentlich erwarten, daß sie die Verzerrungseffekte der Presserezeption herausrechnen können. Das wäre mündig: Mitreden, nicht Mitschreien. Aber offenbar werden nur die Gedanken gedacht, die durch die Aufmerksamkeitserregung angestoßen wurden. Weiter folgt man seiner Intelligenz nicht sondern läßt sich stattdessen einnehmen vom Tagesgeschäft. Unsere Kultur krankt an einer tief verwurzelten Besinnungsfaulheit, an Alltagsaktivismus, Vordergründigkeit und Konformität. – Sich vordringlich mit der Einwanderungsproblematik zu beschäftigen ist wie: Schönheitsreparaturen auf einem Schiff durchzuführen, das beginnt, seine Seetüchtigkeit zu verlieren, während sich in der Ferne die Möglichkeit neuer Stürme andeutet…

2 Politik zwischen infantilen Bürgern und mobbender Presse

Wenn die Politiker nach den Anschlägen von Paris wieder fordern, es müsse mehr überwacht werden, dann ist das verlogen. Wenn sie sich für den Schutz des Lebens engagieren wollen, dann sollten sie Straßenverkehr und Gesundheitssystem verbessern und nicht die bürgerlichen Grundrechte aushebeln für Maßnahmen, die gegen Amokläufer eh nichts bringen. Doch wir sollten die Politiker auch verstehen: So verlogen zu sein ist notwendig, um als Politiker bestehen zu können. Es ist kein moralischer Fehler der Politiker sondern eine Unausgegorenheit unseres politisch-gesellschaftlichen Lebens. Es hat Pubertätsniveau: Jeder ist auf der Lauer nach etwas, womit er andere diskreditieren kann, um Aufmerksamkeit zu bekommen und selber als überlegen da zu stehen. – Pennälermobbing. – Die Bourlevartpresse versucht ständig, Politiker als unfähig oder karrieregeil bloßzustellen und jede Vereinfachung und Verzerrung der Realität ist ihr dafür recht. Sie reiten auf Nebensächlichkeiten herum und wenn ein Politiker das klarzustellen versucht, heißt es: er wolle bloß kneifen. – Das funktioniert natürlich nur bei einer Bürgerschaft, die beschränkt ist von einer infantilen Anspruchshaltung gegen die Politik wie die kleiner Kinder gegen ihre Eltern: Wir sind unterschwellig ständig sauer auf die Politiker, weil wir nicht kriegen, was wir haben wollen, aber wir sind weder bereit, zu recherchieren, was geht und was nicht geht, noch, uns politisch zu engagieren. – Die regulären Einspruchsmöglichkeiten gegen Stuttgart 21 wurden so gut wie nicht genutzt. Kein Schwein hat sich drum gekümmert, solange noch keine Bagger zu sehen waren. Die Wut kam mit den Baggern. – Wir Bürger kennen oder nutzen unsere Demokratie offenbar nicht.

Das ist zu einfach: Jahrelang die Politiker machen lassen und nichts unternehmen, und wenn dann nicht das rauskommt, was man gerne hätte, an Demokratie, Rechtsstaat und Medien zweifeln und in Verschwörungstheorien und Verlogenheitsvorwürfen schwelgen, die von Demagogen bedient werden. – Politiker müssen lügen. Politik ohne strategisches Lügen ist unmöglich, und kein Politiker lügt infamer, als der, der anderen Politikern Lügen vorwirft. – Schon einmal ist ein Heini in Deutschland an die Macht gekommen, weil er der etablierten Politik Lügen vorwarf. Nie hat Deutschland lauter gejubelt und nie ist es schlimmer verschaukelt worden…

„Den Teufel spürt das Völkchen nie, und wenn er sie am Kragen hätt!“ (Mephistopheles).

3 Politiker ha´m es nicht leicht

Wir Bürger können nicht wissen, ob ein ärgerliches Ergebnis der Politik wirklich Ergebnis ärgerlicher Politik ist. Dafür müßten wir die Sachzwänge kennen. – Die Politiker brauchen nicht unser Gemecker sondern unsere Unterstützung: Politiker müssen in einem extrem komplexen Konfliktfeld Kompromisse finden: Sie wollen verantwortungsvolle Politik machen, d.h. der Sache gerecht werden; sie dürfen die innen- und außenpolitisch mächtigen und einflußreichen Interessengruppen nicht gegen sich aufbringen; sie müssen die Wahlen gewinnen, d.h. Bild-Zeitungs-kompatible Politik machen und sie müssen auf Nebenbuhler achten, die sie vom Thron stürzen wollen. – Es ist unlogisch, zu verlangen, daß Politiker nicht Kompromisse machen für ihre Strategien, Nebenbuhler zu übertrumpfen und Wahlen zu gewinnen. Das gehört zu unserer Demokratie dazu. Und es ist nicht ausgeschlossen, daß ein Politiker, dem es nur um Macht geht, dennoch gesellschaftlich und historisch bessere Politik macht als ein Idealist. – Und generell gilt: eine Demokratie muß so wach sein, daß sie nicht auf Heilige angewiesen ist.

4 Wir sind das Volk

Demokratie basiert auf dem Korrektiv der Bürger. Alle vier Jahre ein Kreuzchen zu machen, ist nicht sehr korrektiv. Es ist notwendig, daß wir Bürger uns mehr politisch engagieren. Die Politiker müssen besser über die Fragen und Anliegen der Bürger informiert sein. Es reicht nicht, daß sie wissen, was uns Bürgern wichtig ist, sondern sie müssen auch wissen, wie wichtig es uns ist, oder wie inakzeptabel und unzumutbar wir etwas finden. – Die Bedeutung dieses „Wie“ wird meist unterschätzt: Daß die Gattin es nicht toll findet, wenn er regelmäßig besoffen nach Hause kommt, weiß der Gatte selbst. Aber er täuscht sich meist darüber, wie schlimm es für sie ist: das merkt er erst, wenn er den Brief vom Scheidungsanwalt öffnet. –
Was haben wir getan für eine Umweltpolitik, die radikaler gegensteuert gegen den Klimawandel? Was haben wir ihr getan gegen eine Exportpolitik, die die Landwirtschaft in Afrika kaputmacht? Oder gegen die Überfischung der Weltmeere, die traditionellen Fischern die Lebensgrundlage raubt? – Weil wir nicht längst gegen die Ursachen der Übel auf die Straße gegangen sind, sind wir, die Bürger aus den Reichen Ländern, mit schuld daran, daß immer mehr Menschen nur die Wahl haben zwischen Flucht und Tod.
Und was haben wir getan, um unsere Politiker bei der Regulierung der Finanzmärkte zu unterstützen? Da hätten wir Bürger unseren Vertreten den Rücken stärken können! Dann hätten sie vielleicht die Versuche der Banken, sich gegen Regulierungen zu wehren, mit der Frage kontern können: „Und wie wollt ihr das den Bürgern beibringen, daß ihr schon wieder Freibriefe haben wollt für Zockereien, bei denen ihr nur gewinnen könnt, weil ihr uns das Geld aus der Tasche zieht oder die Spielschulden aufbürdet?“ – Eine klare Ansage hätten selbst die Bänker begrüßt. Es gehört zu jedem Job dazu, Fünfe gerade sein zu lassen und Einfluß zu nehmen, um die besten Bedingungen für´s Geschäft rauszuholen. Die Bänker verlassen sich darauf, daß sie so eingegrenzt werden, daß ihre Machenschaften keinen nennenswerten Schaden anrichten können. Wollen wir wetten: Würde die Welt wegen der Machenschaften der Bänker zugrunde gehen, würden die Bänker uns Bürgern und den von uns gewählten Politikern vorwerfen, sie, die Bänker, nicht genügend gezügelt sondern viel zu viel zugestanden zu haben. Uns Bürgern würden sie vorwerfen, wir hätten uns nicht genügend interessiert, und unseren Politikern, sie hätten zu schnell klein bei gegeben. Wir Menschen bleiben nun mal wie Kinder: Wir krähen, wenn die Eltern uns einschränken, aber wir krähen noch mehr, wenn wir zu Schaden kommen, weil die Eltern uns zu wenig eingeschränkt haben. Dann werfen wir ihnen vor: „Ihr seid doch die Großen, ihr hättet es doch besser wissen müssen!“ –

Nachtrag: Die Wirtschaftprüfungsgesellschaften, deren Versagen 2008 maßgeblich für die Finanzkrise mitverantwortlich war, sollten per Gesetz reformiert werden. Das Gesetz ist durch, sein Nutzen mau. (Quelle: Spiegel 11/2016, S. 72: „Ungezügelte Macht“.) Es wurde in der Öffentlichkeit so gut wie gar nicht diskutiert. Kaum ein Bürger nahm und nimmt Notiz davon. Hätten wir Bürger hier so ein Geschrei gemacht, wie jetzt gegen die Flüchtlingspolitik, hätten wir den Politikern den Rücken gestärkt für einen weniger faulen Kompromiß. Es gibt kein besseres Beispiel für die Dämlichkeit der gegenwärtigen Bürgerbewegungen gegen Euro und Flüchtlinge und für die Unseriösität und Bauernfängerei der AfD, die so tut, als kümmere sie sich die Anliegen der Bürger, die die etablierten Parteien immer vernachlässigt hätten. Aber sie mißbraucht nur die Enttäuschung und Angst der Bürger, nicht so skrupellos aber im Prinzip ähnlich wie damals die Nazis.

5 Warum wir kriegen, was keiner will

Es gibt eine Eigendynamik in demokratischen politischen Systemen, die dazu führt, daß Entscheidungen durchgesetzt werden, die eigentlich niemand wirklich will. – Jede Lobbygruppe versucht ihre Interessen durchzusetzen – berechtigerweise. – Und Politiker paktieren mit Lobbys, um an der Macht zu bleiben – und auch dagegen ist nichts einzuwenden, das gehört dazu (s.o. Pkt. 3). – Und Politiker richten sich nach den Medien, um sich zu profilieren, und auch das hat seine Berechtigung. – Doch was kommt dabei heraus? Z.B.: daß die Grundlagen für einen orwellschen Überwachungsstaat geschaffen werden, um der Bildzeitung zu zeigen, daß man genug dafür tut, den Bürgern die Angst vor Terroristen zu nehmen – eine Gefahr, die ohne die Verzerrung durch die mediale Aufmerksamkeit eigentlich weit weniger beängstigend wäre, als der Straßenverkehr vor der eigenen Haustür und die hygienischen Verhältnisse in unseren Krankenhäusern – und vor allem weit weniger beängstigend als die Sicherheitsmaßnahmen, die dagegen ergriffen werden… Ein weiteres Beispiel: Die Regierung weiß genau, daß sie das Geld für die Kinder in den Ausbau von Schul- und Kitaangeboten stecken müßte, die den benachteiligtsten Kindern zu gute kommen. – Stattdessen verbrät sie das Geld um den Kinderfreibetrag anzuheben – das kommt nur denen zu Gute, die ohnehin gut integriert sind und Chancen auf „soziale Mobilität“ haben. – Stellen Sie sich vor, Ihr Kind spielt mit anderen auf dem Spielplatz. Jetzt kaufen Sie Ihrem Kind ein Eis. Die Eltern der andern Kinder haben kein Geld für Eis, sie müssen sparen. Die Kinder, die mit Ihrem Kind gespielt haben, drängen sich um den Eisstand. Sagen Sie dann: „Tja, wer kein Geld hat, kann sich auch nichts kaufen, so ist das nunmal!“ – Aber genau das suggeriert die Entscheidung der Regierung! –  Wollen wir wirklich ein Volk von solchen Tölpeln sein? Die Politiker finden die Entscheidung nicht toll, die Wähler auch nicht. Und dennoch wurde sie getroffen. – (Link: https://www.spiegel.de/spiegel/print/d-134878987.html)

6 Was uns eint

„Es gibt nicht die Politiker. Es gibt nicht die Bürger. Es gibt nur Interessen“, schrieb mir ein Leser. – So unterschiedlich die Interessenlagen der verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen auch sind: Es gibt starke Gemeinsamkeiten:

  • Wir wollen keine frühkapitalistischen Verhältnisse, nirgendwo auf der Welt. Es soll niemand im Elend leben. Niemand kann seinen Wohlstand genießen, wenn Kinder dafür geschunden werden oder in Armut umkommen. Das Märchen von dem Mädchen mit den Streichhölzern soll nirgendwo und nie wieder etwas anderes als ein Märchen sein. (Es ist aber kein Märchen sondern ein Schock: spiegel.de/spiegel/print. Dazu auch D.Seefelds Kurzgeschichte „Mozart“ in „Splitter“.)
  • Wir wollen kein Tschernobyl, kein Seveso, kein Bopahl und kein Atlantis, nirgendwo auf der Welt. Aber vor allem: kein Auschwitz vor den Toren Europas.
  • Und von den öffentlich-rechtlichen Medien, „unseren“ Medien, wollen wir Information statt Infotainment und Qualitätsquote statt Quotenqualität (vgl. „Vernunft wird Unsinn, Wohltat Plage„).

Wenn wir das alles wollen, dann müssen wir den Politikern sagen, daß wir den Afrikanern nicht die Fische wegfischen wollen mit unseren hochgerüsteten Flotten und daß wir ihre Preise nicht mit unserer Massentierhaltung kaputt machen wollen. – Wir müssen unseren Politikern klarmachen, daß wir lieber den Ausbau von Kita- und Schulangeboten wollen, als Steuerfreibeträge für Kinder, die bloß denen zu Gute kommen, denen es sowieso schon gut geht. – Wir müssen ihnen sagen, was wir von ihren Überwachungsplänen halten, wir müssen ihnen sagen, daß wir uns mit einem Grundrecht auf Unsicherheit weit sicherer fühlen als mit dem totalen Krieg gegen vereinzelte Amokläufer. – Wir müssen ihnen sagen, daß wir Europa nicht in ein Kalifornien verwandeln wollen mit einem Schutzwall umgeben, vor dem die Menschen, die vor Armut und Meer fliehen, verhungern oder ermordet werden.

Es geht nicht um mehr Gerechtigkeit, es geht um die Verminderung der Ungleichheit. Ungleichheit kostet. Belegt ist: Je mehr Ungleichheit in einem Land herrscht, desto mehr Ausgaben für Polizei, Justiz, Gefängnisse, Gesundheit, und Verwaltung von Armut und Not. Da ist die Einbuße von Lebensqualität noch gar nicht gerechnet: Es herrscht mehr Mißtrauen zwischen den Bürgern, eine größere Furcht vor Kriminalität, das Gesicht der Städte wird häßlicher. (In Berlin z.B. sind seit Jahren einige der schönsten Spreeuferwege abgesperrt. Seit eine CDU-Regierung mit Umverteilungstricks die Stadtkassen in die Taschen der Reichen gelehrt hat, fehlt der Stadt das Geld für die Sanierung. – Und für Polizei übrigens auch. Dabei will die CDU immer damit punkten, mehr für die Sicherheit zu tun als andere. (Link: Berliner Bankenskandal)) (Nachsatz: Die Ereignisse in der Sylvesternacht in Köln zeigen, wie überall aus öffentlichen Einrichtungen das Geld rausgezogen wird: in Nordrhein-Westfalen wurden 2000 Polizistenstellen gestrichen. – Die Bankenrettung 2008 war möglicherweise das kleinere Übel. Aber das Geld ist weg, hunderte Milliarden, es kommt den Banken und Konzernen sowie deren Anteilseignern zu Gute. Warum wird nicht einfach mal definiert, wie die öffentlichen Einrichtungen ausgestattet sein sollen, und dann geschaut, wer davon was bezahlt? Wer ist auf die Idee gekommen, daß ausgerechnet der Staat sparen muß? Ist doch klar, daß die Ausstattung unseres Landes dann immer ärmlicher wird!)

Nachtrag: Der „Spiegel“ referriert Experten der Großbank Morgan Stanley: „Werde die Kluft zwischen Oben und Unten zu groß… könne dies die soziale und wirtschaftliche Substanz eines Landes zersetzen.“ Der Präsident des Deutschen Institutes für Wirtschaftsforschung Fratzscher meint: „… Die Wirtschaftsleistung der Bundesrepublik hätte um ein Fünftel höher liegen können, wenn die Spaltung zwischen Arm und reich nicht so weit vorangeschritten wäre“ (Quelle: Spiegel, Titelthema 12.03.16.) – Schon einige Jahre nach der „geistig-moralischen Wende“, die uns 1983 Helmut Kohl bescherte und in deren Folge Privatfernsehen und Sex-Shops florierten, rechnete das ARD-Magazin „Monitor“ vor, wie sehr die Umverteilung von arm zu reich bereits begonnen hatte. – Im Brustton tiefster Überzeugung ließen die sogenannten Christdemokraten immer wissen, daß nur sie und ihr Klientelpartner FDP die richtige Expertise für die Wirtschaft besäßen und realistisch seien. Ihre Devise war: Auf jeden Fall mehr Markt und weniger Staat. Bis heute hat meines Wissen niemand von der CDU eingestanden, wie weit sie daneben gelegen haben…

Wer sagts den Reichen:
Ungleichheit kostet und zieht euch das Geld aus der Tasche.
Ein Cent für mehr Gleichheit bringt Euros hervor. Kaum eine Aktie kennt solche Rendite.

7 Bürgerrat?

Es herrscht der Anspruch, daß die Politiker es richtig machen müssen ohne daß die Bürger etwas dafür zu tun brauchen. Aber das ist ein Anspruch, den wir nur einmal im Leben berechtigt haben können: der Anspruch kleiner Kinder gegen ihre Eltern. Wo die Politik versagt, haben auch wir Bürger versagt.

Die Straßenverkehrsordnung traut sich kein Politiker anzutasten, selbst die Grünen nicht. Das ist zwar ein schlechtes Beispiel, weil deshalb jährlich mehr Menschen sterben als durch Terrorismus in Jahrzehnten zu erwarten ist, aber es zeigt, welche Macht wir Bürger haben. – Deshalb sind wir z.B. auch selber schuld, daß wir uns so einen „öffentlich-rechtlichen-Rundfunk“ aufs Auge drücken lassen.

Wir müssen unseren Politikern helfen, den Kapitalismus zu zügeln! Der Kapitalismus ist nicht schlecht, aber ohne Zügel verrennt er sich, er hat kein Hirn. Und die Politiker alleine schaffens nicht. Wir müssen was unternehmen gegen das, was uns wirklich gefährdet. Wir müssen damit rechnen, daß unsere Demokratie ohne verändertes politisch-bürgerschaftliches Engagement sich nicht mehr selbst helfen kann gegen die realen Gefahren. Wenn wir unseren Politikern nicht helfen, ist es möglich, daß wir irgendwann terrorisiert werden von Sicherheitssystemen, die niemand gewollt hat. Und daß wir von einem zügellosen Kapitalismus abgemolken werden wie Milchvieh, angejocht wie Ochsen und dumm gehalten wie Zuchtfisch. Der Kapitalismus ist nicht böse, er weiß bloß nicht, was er tut. Daß die Massentierhaltung nicht auf die Menschen ausgedehnt werden darf: sowas muß der Kapitalismus gesagt kriegen! Und zwar deutlich! Sehr deutlich! – Aber dann läßt er sich auch leiten!

Wir Bürger brauchen keine Einigkeit im Wollen nur im Fragen. Wir sollten fragen, was Politik, Institutionen und Rechtsprechung dafür tun, die Glaubwürdigkeit von Demokratie und Rechtsstaat hoch zu halten. Und wir sollten herausstellen, was sie nicht dafür getan haben: wo Fragen nicht gestellt oder nicht kompromisslos genug gestellt wurden, wo Besitzstände nicht angetastet und „bequeme“ Entscheidungen getroffen wurden statt Entscheidungen, die in ihrer Zeit und an ihrem Ort unkonventionell und konflikthaft gewesen wären, deren historische Notwendigkeit aber zu diesem Zeitpunkt absehbar war.

Was spricht dagegen einen Bürgerrat zu gründen, eine Art Nicht-Regierungs-Organisation, eine überparteiliche Initiative von Bürgern, die bedeutend genug wird, um sich mit ihren Fragen und Dokumentationen in den Massenmedien Aufmerksamkeit zu verschaffen?

(Eine Geschichte zu diesem Themenkreis: „Die Revolte“ in: „Psychjatergarn„.)

Sicherheitsterrorismus?

Die Terrorgefahr wird durch Überbewertung größer.
Ex-Innenminister Schily sagte im „Spiegel“ (5/15): die zur Verringerung terroristischer Anschläge veranschlagten Sicherheitsgesetze schützten die Freiheitsrechte. – Was bewegt ihn zu dieser Übersteigerung? Als könnten ein paar Hitzköpfe die Demokratie zum Einsturz bringen! Das wirkt wie ein Phobiker, der die ganze Wohnung mit Gift flutet, weil in der Badewanne eine Spinne entdeckt wurde.  Und es nährt die narzistischen Illusionen jener seelisch unterernährten, sich nach Wirkung sehnenden jungen Männer, wie gefährlich sie für die Weltgeschichte seien… – Ihre mörderische narzistische Wut ist nicht zuletzt Ausdruck davon, wie sehr sie unter der Diskrepanz zwischen ihren Potentialen und ihren Perspektiven gelitten haben. Auch sie sind tot. Auch sie sind Opfer. Auch ihnen gegenüber haben wir eine Verpflichtung.
Sicher, die meiste narzistische Wut äußert sich nicht in Amokläufen. Den meisten Wütenden ist ihr Leben lieber und sie finden andere Möglichkeiten, ihre Wut zu bewältigen. Damit jemand Amok läuft, braucht es sehr seltene zusätzliche Faktoren und Randbedingungen. – Deshalb ist es auch so blödsinnig, gegen Amokläufe die ganze Republik mit Sicherheitsvorrichtungen zu verminen. – Obwohl sie glücklicherweise selten sind, sind Amokläufe ernst zu nehmen als Symptom eines zivilisatorischen Syndroms aus Perspektivlosigkeit, Orientierungslosigkeit, Vereinzelung und Narzistifizierung (jeder gilt nur soviel, wie sein gesellschaftlicher Erfolg). – Die sogenannten „Terroristen“ hätten uns viel zu erzählen. Leider schießen sie lieber um sich. Aber es will ihnen eben auch niemand zuhören….
Sicher: noch sind wir sicher vor der Sicherheit. Aber was wäre, wenn das Sicherheitssystem sich irgendwann dahin entwickelt, daß durch indizienbasierte Präventivschläge „zur Sicherheit“ mehr Unschuldige umgebracht werden, als durch Terrorismus? – Die Verlogenheit liegt darin, das Terrorrisiko im Vergleich zu andern Lebensrisiken auf geradezu blödsinnige Weise überzubewerten: Wäre die Politik genauso rigoros bei der Sicherheit im Straßenverkehr, müßte sie nach jedem tödlichen Verkehrsunfall Tempo 30 auf Autobahnen fordern. –  Eigenartig: Würden in Kiel drei Menschen durch Terroristen umgebracht, gäbe es einen riesigen medialen Aufruhr. Werden drei Menschen nachweislich durch Keime umgebracht, gegen die wegen der Massentierhaltung kein Antibiotika mehr resistent ist, gibt es nur ein Bemerkung am Rande im „Spiegel“ (6/15 Prisma Wissenschaft). Dabei lauert da eine Gefahr, gegenüber der das, was die Terroristen anrichten können, wie ein Glühwürmchen neben einem Scheinwerfer anmutet… (https://www.aerzte-gegen-massentierhaltung.de/)
„Abgesehen von einigen wenigen schrecklichen Ausnahmen, wie den Anschlägen vom 11. September 2001, ist die Anzahl der Opfer von Terroranschlägen sehr gering im Vergleich zu anderen Todesursachen. Selbst in Ländern, die Ziele intensiver Terrorkampagnen waren, wie etwa Israel, erreichte die wöchentliche Zahl der Todesopfer praktisch niemals auch nur annähernd die  Zahl der Unfalltoten. Der Unterschied liegt in der Verfügbarkeit der beiden Risiken, der Leichtigkeit und Häufigkeit, mit denen sie uns einfallen. Grauenvolle Bilder, die in den Medien endlos wiederholt werden, nehmen uns alle schwer mit. Wie ich aus Erfahrung weiß, ist es schwer, sich durch vernünftiges Argumentieren selbst in einen Zustand völliger Ruhe zu versetzen…“ ( Daniel Kahnemann: „Schnelles Denken, Langsames Denken“ S. 181. – Daniel Kahnemann war als junger Mann Offizier in der israelischen Armee und ist der erste Psychologe, der den Wirtschafts-Nobelpreis erhielt).
(Zum Zusammenhang zwischen Narzismus und Terrorismus vgl: „Hauptsache Held sein“ – Interview mit Islamexperte Roy, im „Spiegel“ 4/15. – Eine science-fiction-„Bagatelle“ zum Thema gibt es hier: Die Verpfiffenen (Whistleblowing) von Daniel Seefeld)

Soziale Intelligenz

Aus dem fiktiven Interview: „Die Weltformel„:

„Kennen Sie den Satz, den Brecht seinem Galilei in den Mund legt: „Traurig ein Land, das Helden nötig hat“? Ich habe eine eigene Lesart dieses Diktums. Sehen Sie, ob Wissenschaft, Kunst oder Handwerk: eine Disziplin ist doch erst dann hoch entwickelt, wenn man nicht mehr überdurchschnittlich sein muß, um darin etwas Verläßliches zu leisten, wenn auch ganz durchschnittliche Menschen darin Meister werden können. An eine Kultur stelle ich den gleichen Anspruch: Eine Kultur ist erst in dem Maße hochentwickelt, wie es keiner besonderen Anstrengung mehr bedarf, moralisch zu handeln. „Soziale Intelligenz“ heißt, daß man in jeder Situation schnell erkennen kann, wie sehr eine Verletzung der Gebote von Solidarität und Kooperation Implikationen eigener Intentionen widerspricht und daß man so geübt darin ist, den eigenen Antrieben einen Weg zu finden, der mit Solidarität und Kooperation vereinbar ist, daß man einfach nicht mehr darauf angewiesen ist, sie auf Kosten von anderen Menschen auszuleben. – Genauso, wie man heute kein Genie wie Bacon oder Boyle mehr sein muß, um naturwissenschaftlich zu denken, wird man irgendwann kein Heiliger mehr sein müssen, um moralisch zu handeln, weil soziale Intelligenz genauso selbstverständlich geworden ist, wie heute die naturwissenschaftliche Intelligenz, die die Kinder bei uns schon mit dem bloßen Heranwachsen üben“.

Aus Lars Lehmann: „Die Revolte„:

„Ihre Zivilisation hat ein Problem: Sie kann schlecht verzichten! Selbst für Menschen, denen es gut geht, fühlt sich Verzicht oft so unzumutbar an, daß sie glauben, ruhig etwas Unrechtes oder Schädliches tun zu dürfen, um nicht verzichten zu müssen. Anstatt die Bestände ihres Lebens auf ungenutzte Möglichkeiten zu sichten, werden sie aggressiv gegen Menschen oder Umwelt, um sich neue Bestände einzuverleiben. Die Menschheit ist noch auf der Kulturstufe, daß sie zwanghaft jeden Schatz heben muß, egal was dadurch angerichtet wird. Eine hochstehende Zivilisation kann die versunkenen Schätze im See lassen. Auf Euren entgeisterten Hinweis: „Aber da ist doch ein Schatz drin!“ würde sie achselzuckend sagen: „Na und?“ – Ihre Zivilisation hat noch nicht gelernt, die Frage zu stellen: „Auf was muß ich verzichten, wenn ich nicht verzichte!“ – Ihre Kultur ist zu einer Techniker-Kultur geworden. Aber was ist schon die Frage: „Wie kann ich das schaffen?“ gegen die Frage: „Wozu?“ Was hilft es, immer besser Probleme lösen zu können, wenn man immer weniger erkennt, was sich überhaupt lohnt, zum Problem zu machen?
Es wird bei der Reorganisation der Welt darum gehen, daß die Akteure erkennen, worauf sie verzichten können, ohne daß das Wesentliche ihrer berechtigten Ziele gefährdet ist. Ihr Blick ist auf die Perspektive fixiert, aus der sie ihr Ziel sehen, sie erkennen nicht, daß das gleiche Ziel aus einer anderen Perspektive eine völlig andere Gestalt annehmen kann. Nehmen Sie folgendes Beispiel: Da möchte jemand an einem Sommerabend auf seinem Balkon grillen. Nun weiß er, er belästigt damit die Nachbarn. Eigentlich könnte er auch ganz gut ohne Grill den Abend genießen. Doch dann denkt er: „Wer wäre ich eigentlich und was bliebe von meinem Leben übrig, wenn ich immer Rücksicht nähme!“ Er glaubt, durch eine gewisse Rücksichtslosigkeit erreicht er seine Ziele besser. Durch Verzicht sieht er Stolz, Autonomie und Lebensqualität gefährdet. Ein gutes Verhältnis zu den Nachbarn macht auf eine ganz andere Weise stolz und autonom und verbessert die Lebensqualität. Doch das sieht er nicht. – Akteure mit Unwillen zu Verzicht sind wie jemand, der glaubt: Wasser ätzt, und er schlägt einen Steg über einen seichten Fluß, statt einfach hindurch zu waten. – Allerdings: Um auf Möglichkeiten zu verzichten, muß man genau wissen, wozu. Beschränkte Menschen sind alternativlos, die wissen das nicht.“  –

Die ganze Geschichte können Sie runterladen unter: https://www.goethesfaust.com/download/