Über Genderneutrale Sprache

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Ich unterstütze ausdrücklich das Anliegen der Genderbewegung. Aber ich schreibe herkömmliches Sprechdeutsch – d.h. Deutsch mit generischem Maskulinum. Ich würde wetten, daß fast alle, deren Muttersprache das Deutsche ist, in den meisten Fällen das generische Maskulinum noch genderneutral lesen und hören, ohne daß es ihnen zu Bewußtsein kommt – es sei denn, sie hätten bereits trainiert, darauf zu achten.

Mir jedenfalls fällt es schwer, mir vorzustellen, daß jemand, der das Wort „Touristen“ hört, unmittelbar eine Männergruppe vor Augen hat. – Oder: Stellen Sie sich vor, Sie wollen rechts abbiegen und Ihr Beifahrer ruft: „Vorsicht Radfahrer!“ – Würden Sie an einen Mann denken? Nein, an einen Menschen auf Fahrrad. Die männliche Form ist im Deutschen in bestimmten Kontexten Platzhalter für beide Geschlechter. Hören Muttersprachler in diesen Kontexten die männliche Form, wissen Sie „instinktiv“, daß jetzt beides möglich ist: eine Frau oder ein Mann.

In jeder Sprache legen nicht allein die Worte, sondern auch die Kontexte Bedeutungen fest – unmittelbar, „instinktiv“, durch „Sprachgefühl“. – Freilich ist es möglich, sich zu trainieren, bei der maskulinen Form immer nur an einen Mann zu denken. Aber wozu soll das gut sein?

Zu Beginn des Jahrtausends stellte sich mir eine ostdeutsche Frau als „Schienenbauingenieur“ vor – so stark war die Genderneutralität des generischen Maskulinums im ostdeutschen Sprachgefühl verankert. Logisch: da gab es ja auch – im Gegensatz zu Westdeutschland – jede Menge weiblicher Ingenieure, selbst im Schienenbau…

Freilich gibt es eine „Restanomalie“ des herkömmlichen Deutschs. Auf die Frage: „Wer ist Ihr Lieblingsschriftsteller“ nennt fast niemand eine Schriftstellerin. Das generische Maskulinum stößt an Grenzen, es „funktioniert“ nur in einem starken Kontext.

Völker deren Sprachen kein generisches Maskulinum kennen sind meist weit patriarchalischer als wir (Beispiel: Ungarn, dort wurden die Genderstudies abgeschafft). Es ist zweifelhaft, ob eine verordnete Sprachreform zu größerer Gendergerechtigkeit führt und zu größerer Desillusionierung über männlichen Dünkel.

Dennoch ist die Nutzung genderneutraler Schreib- und Redeweisen grundsätzlich begrüßenswert, weil sie förderliche Irritationen auslöst. (Wir haben schon in den 80ziger-Jahren unsere Professoren mit der Schreibweise man/frau geärgert.) Abgesehen davon ist es immer interessant, wenn neue Sprachmöglichkeiten entstehen.

Außerdem hat jede Generation das Recht, sich in der Sprache, in die sie hineinwächst, einzurichten, die Sprache weiter zu entwickeln und zu gestalten. (Das gilt selbst dann, falls meine unten (Pkt.2) angeführte Einschätzung stimmen sollte, daß das Gendern den Prozeß der Zivilisation nicht fördert und auch nicht von sprachlicher Überzeugungskraft getragen wird sondern von sozialpsychologischen Prozessen.)

Allerdings: Die neue Rede- und Schreibweise ist eine auferlegte Selbstdesensibilisierung für das Sprachgefühl, ein Wegtrainieren der Kontextsensibilität. Wir dürfen uns für uns selbst entscheiden, uns eine Sensibilität wegzutrainieren, aber wir dürfen es von niemandem verlangen. Ein Sprachgefühl umerziehen zu wollen hat etwas Gewaltsames.

Ich halte es daher für das Sinnvollste, die Sprache frei zu lassen, d.h. den Sprachgebrauch nicht zu moralisieren.

Wenn das Gendern für die nachwachsenden Generationen die überzeugendere Sprachvariante sein sollte, ist das doch toll! Dann wird sich die Sprache ohne moralischen Druck weiter entwickelt haben! – Falls das Gendern aber nicht überzeugt, wird moralischer Druck auch nichts bringen.

(Das Argument, das Gendern mache die Sprache kaputt, halte ich für Blödsinn. Allenfalls wird es eine Zeit des Umbruchs geben, in der sich niemand mehr vollumfänglich der Sprache sicher sein kann. Daraus wird ein neues sicheres Sprachgefühl entstehen. – So geht es mit allen Erneuerungen.)

 

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Eine junge Frau warf mir vor: „Ich fühle mich als Frau diskriminiert, auch durch die Sprache, und das, was du für mich tun kannst, wäre: zu gendern. Wenn du nicht genderst, dann engagierst du dich nicht gegen meine Diskriminierung. – Du bist ein Mann, du weißt nicht, wie sich das anfühlt, diskriminiert zu werden! Wenn du es nicht für angemessen und gerechtfertigt hälst, zu gendern, dann sprichst du mir mein Gefühl ab und bagatellisierst meine Diskriminierung!“

Ich fände es sinnvoll, nicht nur sich für Vorurteile und Diskriminierung zu sensibilisieren, sondern auch für Unterstellungen: Es wäre eine Unterstellung, zu behaupten, wenn ich nicht gendere, würde ich zu wenig gegen mein angestammtes Paschaprivileg als Mann unternehmen wollen, zu Lasten der Diskriminierten.

Wenn es klar wäre, daß Gendern ein gebotenes Mittel gegen Diskriminierung ist, wäre das was anderes. Aber: Ist Gendern das? Welche Belege gibt es dafür?

Warum fühlen sich soviele Frauen nicht durch den herkömmlichen Sprachgebrauch diskriminiert? – Vielleicht ist die „Restanomalie“ des herkömmlichen Deutschs so gering, daß weder Mann noch Frau noch Diverse sich daran stören würden, wäre nicht die Idee entstanden, daß sie sich daran stören sollten? – Und vielleicht war es nicht sprachbezogenes Unbehagen, das soviele Leute zum Mitmachen motivierte, sondern eine sozialpsychologische Dynamik? – Und vielleicht könnte das Gendern genausogut unterbleiben, ohne daß dadurch der Prozeß der Gleichberechtigung, der Entdiskriminierung und der Desillusionierung männlichen Dünkels im geringsten Nachteile hätte? (Ich schreibe: „vielleicht“ – d.h. ich weiß nicht ob es so ist, ich muß auch damit rechnen, daß es anders ist.)

Gendern an sich ist nicht progressiv. Progressiv ist das, wofür es steht: Desillusionierung über Geschlecht und Geschlechterrollen, Befreiung von vorgestanzten Vorstellungen und Sozialisationswegen und Abschaffung von Diskriminierung. – Ich würde mir wünschen, daß wir Menschen danach beurteilen, wie weit sie in der Sache fortgeschritten sind, nicht danach, welche Förmlichkeiten sie benutzen. Denn dadurch, daß Gendern als progressiv gilt werden viele gendern, weil sie befürchten, sonst als unprogressiv zu gelten. Und das bedeutet: Gendern macht unsichtbar, wie progressiv Leute tatsächlich sind. – Es wäre blöd, falls die Genderengagierten dadurch viele Verbündete nicht erkennen – ebensowenig wie anpasserische Karrieristen, Mitläufer, Ja-Sager und Heuchler.

Moralischer Druck ist in persönlichen Beziehungen nicht hilfreich. – Unrecht ensteht aus einem Mangel an Einsicht. Nur wer sich für was Besseres hält, glaubt, auf Kosten anderer Vorteile haben zu dürfen. Nur wer aus Beschränktheit oder Mangel an Mitgefühl sich falsche Vorstellungen von der Bedeutung der Folgen seines Handels für andere macht, ist skrupellos. Wer desillusioniert ist, handelt moralisch, Unmoralische pflegen Illusionen. – (Darin besteht ja die Stärke von Judith Butlers Begriff der „Betrauerbarkeit“: Er hinterfragt den Dünkel der eigenen Vortrefflichkeit ebenso wie Richtigkeitsgefühle aus Vorstellungsschwäche, die beide dazu führen können, daß das Leid von Angehörigen der eigenen Zivilisation als schlimmer erlebt wird, als das anderer.)

Druck hat noch nie eine Überzeugung geändert. Überzeugungen verändern sich nur durch Verständigung. Das Problem ist freilich: Verständigung kann langwierig sein. – Ich bin Skeptiker. Ich habe vieles erlebt und kann mir vieles vorstellen. Deshalb überzeugt mich vieles auch nicht so schnell, weil ich mir es auch anders erklären kann. Da kann ich verstehen, wenn meinen Gesprächspartner:Innen der Geduldsfaden reißt. Ich schließe nicht aus, daß auch ich noch die eine oder andere Illusion pflege. Doch wenn ich bezüglich meiner Auffassung des Genderns im Unrecht bin, wird es lange dauern, bis ich das kapiert habe.

 

Nachsatz

Meine Fragen zum Gendern sind:

Wieviele Frauen fühlen sich durch den herkömmlichen Sprachgebrauch diskriminiert? Was genau erleben sie daran als diskriminierend?

Fördert Gendern die Gleichberechtigung? Oder sind wir – angesichts dessen, was im letzten halben Jahrhundert bereits erreicht wurde gegen alle Formen von Diskriminierung – sind wir in einem „Prozeß der Zivilisation“ der so stark ist, daß das Gendern genauso wenig bringt, wie eine Kerze unter eine Lampe zu stellen? Würden die Energien, die jetzt auf das Gendern gelenkt werden, nicht vielleicht sogar an anderer Stelle den Prozeß der Gleichberechtigung viel besser und schneller befördern?

Wird die Bereitschaft des überwiegenden Teils der Deutschen, gegen Diskriminierung vorzugehen, wo immer sie sich zeigt, unterschätzt? Ist also die Gewalt und der Rassismus vielleicht gar nicht so „strukturell“? Was soll das überhaupt konkret heißen: die Gewalt sei „strukturell“? Gesagt ist das leicht, aber wie läßt sich das überprüfen?

Welche Rolle spielt Demokratie im Zusammenhang mit dem Gendern: Sollen alle Frauen darüber abstimmen, ob offiziell gegendert werden soll oder nicht?

Welche Rolle hat das Argument: „Du gehörst zu den Privilegierten, du weißt nicht, wie es sich anfühlt, diskriminiert zu werden!“ – Welche neutrale Instanz zur Beurteilung könnte es hier geben? Wie können Betroffene und Nichtbetroffene über die Akzeptabilität von Forderungen der Betroffenen reden? Es wird ja wohl niemensch im Ernst einen Blankocheck fordern nach dem Motto: „Du gehörst nicht zur Gruppe der Diskriminierten, du weißt nicht, wie ich leide, deshalb kannst du nicht mitreden, deshalb mußt du da, wo wir uns nicht einigen können, alle meine leidensbezogenen Feststellungen und Forderungen akzeptieren oder du bist ein Arsch!“

Meine Fragen mögen naiv sein, aber das ist nunmal mein Stand der Auseinandersetzung mit dem Thema. – Und ich bin mit meiner Meinungsbildung zu diesen Fragen noch lange nicht fertig und für Kommentare dankbar.

 

Weiterlesen:  https://www.deutscheakademie.de/de/aktivitaeten/projekte/sprachkritik/2019-07-26/drei-fragen-zu-gendergerechter-sprache