Sicherheitsterrorismus?

Die Terrorgefahr wird durch Überbewertung größer.
Ex-Innenminister Schily sagte im „Spiegel“ (5/15): die zur Verringerung terroristischer Anschläge veranschlagten Sicherheitsgesetze schützten die Freiheitsrechte. – Was bewegt ihn zu dieser Übersteigerung? Als könnten ein paar Hitzköpfe die Demokratie zum Einsturz bringen! Das wirkt wie ein Phobiker, der die ganze Wohnung mit Gift flutet, weil in der Badewanne eine Spinne entdeckt wurde.  Und es nährt die narzistischen Illusionen jener seelisch unterernährten, sich nach Wirkung sehnenden jungen Männer, wie gefährlich sie für die Weltgeschichte seien… – Ihre mörderische narzistische Wut ist nicht zuletzt Ausdruck davon, wie sehr sie unter der Diskrepanz zwischen ihren Potentialen und ihren Perspektiven gelitten haben. Auch sie sind tot. Auch sie sind Opfer. Auch ihnen gegenüber haben wir eine Verpflichtung.
Sicher, die meiste narzistische Wut äußert sich nicht in Amokläufen. Den meisten Wütenden ist ihr Leben lieber und sie finden andere Möglichkeiten, ihre Wut zu bewältigen. Damit jemand Amok läuft, braucht es sehr seltene zusätzliche Faktoren und Randbedingungen. – Deshalb ist es auch so blödsinnig, gegen Amokläufe die ganze Republik mit Sicherheitsvorrichtungen zu verminen. – Obwohl sie glücklicherweise selten sind, sind Amokläufe ernst zu nehmen als Symptom eines zivilisatorischen Syndroms aus Perspektivlosigkeit, Orientierungslosigkeit, Vereinzelung und Narzistifizierung (jeder gilt nur soviel, wie sein gesellschaftlicher Erfolg). – Die sogenannten „Terroristen“ hätten uns viel zu erzählen. Leider schießen sie lieber um sich. Aber es will ihnen eben auch niemand zuhören….
Sicher: noch sind wir sicher vor der Sicherheit. Aber was wäre, wenn das Sicherheitssystem sich irgendwann dahin entwickelt, daß durch indizienbasierte Präventivschläge „zur Sicherheit“ mehr Unschuldige umgebracht werden, als durch Terrorismus? – Die Verlogenheit liegt darin, das Terrorrisiko im Vergleich zu andern Lebensrisiken auf geradezu blödsinnige Weise überzubewerten: Wäre die Politik genauso rigoros bei der Sicherheit im Straßenverkehr, müßte sie nach jedem tödlichen Verkehrsunfall Tempo 30 auf Autobahnen fordern. –  Eigenartig: Würden in Kiel drei Menschen durch Terroristen umgebracht, gäbe es einen riesigen medialen Aufruhr. Werden drei Menschen nachweislich durch Keime umgebracht, gegen die wegen der Massentierhaltung kein Antibiotika mehr resistent ist, gibt es nur ein Bemerkung am Rande im „Spiegel“ (6/15 Prisma Wissenschaft). Dabei lauert da eine Gefahr, gegenüber der das, was die Terroristen anrichten können, wie ein Glühwürmchen neben einem Scheinwerfer anmutet… (https://www.aerzte-gegen-massentierhaltung.de/)
„Abgesehen von einigen wenigen schrecklichen Ausnahmen, wie den Anschlägen vom 11. September 2001, ist die Anzahl der Opfer von Terroranschlägen sehr gering im Vergleich zu anderen Todesursachen. Selbst in Ländern, die Ziele intensiver Terrorkampagnen waren, wie etwa Israel, erreichte die wöchentliche Zahl der Todesopfer praktisch niemals auch nur annähernd die  Zahl der Unfalltoten. Der Unterschied liegt in der Verfügbarkeit der beiden Risiken, der Leichtigkeit und Häufigkeit, mit denen sie uns einfallen. Grauenvolle Bilder, die in den Medien endlos wiederholt werden, nehmen uns alle schwer mit. Wie ich aus Erfahrung weiß, ist es schwer, sich durch vernünftiges Argumentieren selbst in einen Zustand völliger Ruhe zu versetzen…“ ( Daniel Kahnemann: „Schnelles Denken, Langsames Denken“ S. 181. – Daniel Kahnemann war als junger Mann Offizier in der israelischen Armee und ist der erste Psychologe, der den Wirtschafts-Nobelpreis erhielt).
(Zum Zusammenhang zwischen Narzismus und Terrorismus vgl: „Hauptsache Held sein“ – Interview mit Islamexperte Roy, im „Spiegel“ 4/15. – Eine science-fiction-„Bagatelle“ zum Thema gibt es hier: Die Verpfiffenen (Whistleblowing) von Daniel Seefeld)

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